Mittwoch, 15. Februar 2017

Auf die richtige (Einstellungs-)Größe kommt es an

Stellen Sie sich folgende einfache Szene vor: Ein Mann sitzt in einem Restaurant. Auf seinem Tisch befindet sich eine Flasche mit Mineralwasser und ein Glas. Er nimmt die Flasche, schenkt sich ein Glas Wasser ein und trinkt anschließend einen Schluck. Dauer des gesamten Ablaufs: ca. 20 Sekunden.

Und jetzt überlegen Sie, wie Sie diese Szene filmisch umsetzen würden. Versetzen Sie sich dafür bewusst in die Rolle des Zuschauers. Bleibt es „spannend“, wenn das alles nur aus einer einzigen Perspektive gedreht wird? Wird es spannender, wenn während der Handlung wild gezoomt und geschwenkt wird, um ja nichts zu verpassen?

Den richtigen und einzigen Weg für die Auflösung einer Szene gibt es nicht. Sehgewohnheiten spielen dabei eine wichtige Rolle.

Bleiben wir bei der Szene im Restaurant. Welche Möglichkeiten gibt es, die Handlung interessanter darzustellen? Hier ein paar Vorschläge:

· Jumpcuts

Diese Methode erfreut sich immer größerer Beliebtheit, ist doch der Aufwand beim Filmen und Schneiden relativ gering. Die Szene wird aus einer festen, statischen Kameraposition gedreht. Im Schnitt werden anschließend Teile der Szene entfernt. Dadurch „springt“ das Bild von einer Handlung zur nächsten. Mögliche „Sprungfolge“:

  • Mann sitzt ruhig da
  • Mann schenkt sich ein
  • Mann trinkt

Die Bildteile „Mann nimmt Flasche“, „Mann öffnet Flasche“ und „Mann nimmt Glas“ werden entfernt. Die Szene wird auf die Hälfte der ursprünglichen Dauer eingedampft. Die Bildsprünge sind gewöhnungsbedürftig, funktionieren aber gut, wenn man es nicht übertreibt.

· Unterschiedliche Einstellungsgrößen

Die gleiche Szene wird nacheinander mit unterschiedlichen Einstellungsgrößen gedreht:

  • Totale
    Eine Person oder eine Gruppe ist vollständig in ihrer Umgebung zu sehen. Damit geben wir dem Zuschauer einen Überblick über die Gesamtszene. 



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  • Halbtotale

    Jetzt kommen wir mit der Kamera näher. Die Hauptakteure stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Der Zuschauer soll ihnen seine gesamte Aufmerksamkeit schenken.













  •     Großaufnahme
    Beispielsweise ist das Gesicht eines Hauptakteurs oder eine Hauptaktion bildfüllend zu sehen.












  •     Detailaufnahme
    Ein Detail der Szene wird – quasi vergrößert -  gezeigt.











Als weitere, etwas ungewöhnlichere Einstellungsgrößen, wären noch die Vogel- und Froschperspektive zu nennen. Diese Einstellungen erzeugen gezielt eine besondere Wirkung.

Ein Gegenstand aus der Froschperspektive, also von unten, wirkt größer, bedrohlicher, mächtiger, während derselbe Gegenstand aus der Vogelperspektive (von oben), klein und harmlos wirkt.


Zurück zu unserem Beispiel „Mann im Restaurant“. Eine mögliche Szenenfolge könnte beispielsweise sein:


  •     Totale - Mann im Restaurant

  •     Halbtotale Mann greift nach der Flasche

  •     Nahaufnahme - Flasche wird aufgeschraubt

  •     Nahaufnahme – Gesicht des Mannes
  •     Detailaufnahme – Wasser wird ins Glas geleert
  •     Halbtotale – Mann nimmt das Glas
  •     Nahaufnahme – Mann trinkt einen Schluck
Man könnte die Szene aber auch deutlich verkürzen – quasi „verjumpcutten“:


  •     Halbtotale – Mann im Restaurant greift nach der Flasche

  •     Detailaufnahme – Wasser wird ins Glas gefüllt

  •     Nahaufnahme – Mann trinkt einen Schluck.

Wichtig für die Dreharbeiten, zumindest als Anfänger: Drehen Sie die Szenen mehrmals hintereinander mit jeweils unterschiedlichen Einstellungsgrößen. Dadurch haben Sie im Schnitt die Möglichkeit verschiedene Variationen durchzuspielen und zu schauen, was für Sie am besten passt. Mit der Zeit entwickelt sich das Gespür für eine Szenenabfolge ganz automatisch.

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